Ratgeber · Wegzug & Steuern

Wegzugsbesteuerung: wann sie greift, wann nicht

Die Wegzugsbesteuerung nach § 6 AStG ist die Hürde, an der die Verlagerung ins Ausland am häufigsten scheitert – oft aus Angst vor einer Steuer, die im konkreten Fall gar nicht anfällt. Sie hängt nicht am Umzug, sondern an Ihren Anteilen an einer Kapitalgesellschaft. Wer keine hält oder unter der 1-%-Grenze bleibt, ist von § 6 AStG nicht betroffen.

  • Ab 1 % Beteiligung an einer Kapitalgesellschaft
  • Sieben von zwölf Jahren unbeschränkt steuerpflichtig
  • Neugründung einer s.r.o. löst für sich genommen nichts aus
Route von Deutschland nach Tschechien mit Prager Skyline und EU-Sternenkreis - Symbolbild zur Wegzugsbesteuerung
1 %Beteiligungist die Schwelle
§ 6 AStGFiktive Veräußerung7 JahresratenRückkehr binnen 7 Jahren

Grundlagen

Was die Wegzugsbesteuerung überhaupt besteuert

Verlegen Sie Ihren Wohnsitz ins Ausland, endet die unbeschränkte Steuerpflicht in Deutschland – und damit auch das deutsche Besteuerungsrecht an Ihren Anteilen an einer Kapitalgesellschaft. Damit die im Inland gewachsenen stillen Reserven dem deutschen Fiskus nicht entgehen, unterstellt das Außensteuergesetz eine fiktive Veräußerung zum Zeitpunkt des Wegzugs: Die Anteile gelten als verkauft, obwohl kein Euro geflossen ist.

Besteuert wird die Differenz zwischen dem gemeinen Wert der Anteile und den ursprünglichen Anschaffungskosten. Über das Teileinkünfteverfahren sind davon 60 % einkommensteuerpflichtig; die restlichen 40 % bleiben steuerfrei. Bei hohen Einkommen landet die effektive Belastung damit bei rund 25 bis 28,5 % des fiktiven Gewinns – fällig, ohne dass Liquidität aus einem Verkauf zur Verfügung steht. Genau das macht die Wegzugsteuer so unangenehm.

Im deutschen Steuerrecht gilt eine Beteiligung ab 1 % als wesentliche Beteiligung. Ob die Anteile an einer inländischen GmbH oder an einer ausländischen Gesellschaft bestehen, spielt keine Rolle: Erfasst werden wesentliche Beteiligungen im Privatvermögen unabhängig vom Sitz der Gesellschaft. Maßgeblich ist allein, dass Deutschland sein Besteuerungsrecht verliert.

Voraussetzungen

Drei Bedingungen müssen zusammenkommen

1. Anteile ab 1 %

Sie waren innerhalb der letzten fünf Jahre zu mindestens 1 % an einer Kapitalgesellschaft beteiligt – also an einer GmbH, UG, AG oder einer vergleichbaren ausländischen Gesellschaft. Es zählt die Beteiligung im Privatvermögen im Sinne des § 17 EStG.

2. Sieben von zwölf Jahren

Sie waren innerhalb der letzten zwölf Jahre vor dem Wegzug insgesamt mindestens sieben Jahre in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig (§ 6 Abs. 2 AStG). Wer erst kurz in Deutschland lebt, fällt nicht darunter.

3. Ein Auslöser

Es muss ein Ereignis hinzukommen, das das deutsche Besteuerungsrecht beendet oder beschränkt – typischerweise die Aufgabe von Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt.

Auslöser

Was die Wegzugsbesteuerung auslöst

Der Wegzug selbst

Aufgabe des Wohnsitzes oder gewöhnlichen Aufenthalts in Deutschland. Der klassische Fall: Sie melden sich ab und verlagern Ihren Lebensmittelpunkt nach Prag oder Pilsen.

Unentgeltliche Übertragung

Schenkung oder Vererbung der Anteile an eine Person, die nicht unbeschränkt steuerpflichtig ist – etwa an das bereits im Ausland lebende Kind.

Ansässigkeitswechsel per DBA

Auch ohne vollständige Abmeldung kann ein Doppelbesteuerungsabkommen die Ansässigkeit ins andere Land verlagern und damit das deutsche Besteuerungsrecht beschränken.

Wichtig für den Wegzug nach Tschechien: Seit 2022 gibt es keine unbefristete, zinslose Stundung mehr für Umzüge innerhalb der EU. Der Wegzug in einen EU-Staat wird steuerlich behandelt wie der Wegzug in einen Drittstaat. Wer sich auf die alte EU-Regelung verlässt, rechnet mit einer Erleichterung, die es nicht mehr gibt.

Entwarnung

Was sie nicht auslöst

Die Neugründung einer s.r.o.

Eine frisch gegründete tschechische s.r.o. hat zum Zeitpunkt des Wegzugs keine stillen Reserven. Gemeiner Wert und Anschaffungskosten sind identisch, der fiktive Veräußerungsgewinn beträgt null – und damit auch die Steuer.

Beteiligungen unter 1 %

Wer weniger als 1 % an einer Kapitalgesellschaft hält und diese Grenze auch in den letzten fünf Jahren nie erreicht hat, ist von § 6 AStG nicht betroffen.

Einzelunternehmen ohne Anteile

§ 6 AStG erfasst Anteile an Kapitalgesellschaften, nicht die freiberufliche oder gewerbliche Tätigkeit als solche. Für Betriebsvermögen gelten eigene Entstrickungsregeln – ein Punkt, der gesondert geprüft gehört.

Deutsche Immobilien

Grundbesitz in Deutschland löst keine Wegzugsteuer aus. Er bleibt schlicht beschränkt steuerpflichtig, die Mieteinkünfte werden weiter in Deutschland erklärt.

Der übliche Fall

Die meisten unserer Mandanten gründen neu in Tschechien, statt eine bestehende GmbH zu verlagern. In dieser Konstellation ist die Wegzugsbesteuerung schlicht kein Thema.

So läuft die Gründung

Rechenbeispiel

GmbH mitnehmen oder neu gründen – der Unterschied in Zahlen

Zwei Unternehmer ziehen nach Tschechien. Beide waren mehr als sieben Jahre in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig. Der eine hält 100 % an seiner deutschen GmbH, der andere gründet eine neue s.r.o. und hält keine deutschen Anteile mehr.

Neugründung s.r.o.Bestehende GmbH
Gemeiner Wert der Anteilerund 0 € (Neugründung)900.000 €
AnschaffungskostenStammkapital25.000 €
Fiktiver Veräußerungsgewinn0 €875.000 €
Steuerpflichtig (60 %)0 €525.000 €
Wegzugsteuer (Spitzensatz inkl. Soli)0 €rund 249.000 €

Vereinfachtes Beispiel ohne Freibeträge, Verlustverrechnung und Kirchensteuer. Der gemeine Wert wird in der Praxis nach dem vereinfachten Ertragswertverfahren ermittelt und ist regelmäßig der Streitpunkt mit dem Finanzamt.

Der Unterschied liegt also nicht im Umzug, sondern in dem, was Sie an Anteilen mitnehmen. Und eine Warnung an dieser Stelle: Wer die deutschen GmbH-Anteile vor dem Wegzug in die neue s.r.o. einbringt, hat damit nichts gewonnen – eine solche Übertragung ist selbst ein steuerpflichtiger Vorgang und gehört vorher durchgerechnet.

Wenn sie doch greift

Ratenzahlung und Rückkehrregelung

Fällt die Steuer an, muss sie nicht sofort in einer Summe fließen. Auf Antrag wird sie in sieben gleichen Jahresraten gezahlt (§ 6 Abs. 4 AStG), zinslos, in der Regel aber nur gegen Sicherheitsleistung – Bankbürgschaft, Verpfändung der Anteile oder Grundschuld. Dazu kommen laufende Mitteilungspflichten gegenüber dem Finanzamt nach § 6 Abs. 5 AStG: Anschrift im Ausland melden und jährlich bestätigen, dass die Anteile noch gehalten werden.

Der zweite Ausweg ist die Rückkehrregelung: Kehren Sie innerhalb von sieben Jahren nach Deutschland zurück, ohne die Anteile zwischenzeitlich veräußert zu haben, entfällt der Steueranspruch rückwirkend. Die Frist lässt sich auf bis zu zwölf Jahre verlängern. Der Bundesfinanzhof hat 2022 entschieden, dass es dafür keiner Rückkehrabsicht im Zeitpunkt des Wegzugs bedarf – entscheidend ist die tatsächliche Rückkehr (BFH, Urteil vom 21.12.2022, I R 55/19).

Für die Praxis heißt das: Die Wegzugsteuer ist keine Strafe für das Auswandern, sondern eine Schlussrechnung auf stille Reserven. Wer keine hat, zahlt nichts.

Neu seit 2025

Auch Fondsanteile im Privatvermögen

Seit dem 1. Januar 2025 erfasst die Wegzugsbesteuerung zusätzlich Anteile an (Spezial-)Investmentfonds im Privatvermögen – also auch ETF-Depots. Die Regelung greift, wenn Sie innerhalb der letzten fünf Jahre zu mindestens 1 % am Investmentfonds beteiligt waren oder Ihre Anschaffungskosten mindestens 500.000 Euro betragen. Auch hier gilt: besteuert werden nur stille Reserven, Stundung in sieben Raten und Rückkehrregelung funktionieren entsprechend. Für Unternehmer mit größerem Wertpapierdepot ist das der Punkt, der bei der Planung am häufigsten übersehen wird.

Häufige Fragen

Wegzugsbesteuerung kurz beantwortet

Wer muss die Wegzugsteuer zahlen?
Natürliche Personen, die innerhalb der letzten zwölf Jahre mindestens sieben Jahre in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig waren und zu mindestens 1 % an einer Kapitalgesellschaft beteiligt sind. Alle drei Bedingungen müssen zusammentreffen.
Wann wird die Wegzugsbesteuerung fällig?
Im Zeitpunkt des Wegzugs, also mit Aufgabe von Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt. Sie wird mit der Einkommensteuererklärung des betreffenden Jahres festgesetzt und kann auf Antrag in sieben Jahresraten gezahlt werden.
Gilt die Wegzugsbesteuerung auch innerhalb der EU?
Ja. Die frühere unbefristete, zinslose Stundung für EU- und EWR-Fälle ist seit 2022 entfallen. Ein Wegzug nach Tschechien wird steuerlich nicht anders behandelt als ein Wegzug in einen Drittstaat.
Kann ein Doppelbesteuerungsabkommen die Steuer verhindern?
Nein. Das Doppelbesteuerungsabkommen verteilt Besteuerungsrechte, es hebt § 6 AStG nicht auf. Im Gegenteil: Ein dadurch ausgelöster Ansässigkeitswechsel kann die Wegzugsbesteuerung sogar selbst auslösen, auch ohne förmliche Abmeldung.
Löst die Gründung einer s.r.o. in Tschechien Wegzugsteuer aus?
Die Gründung als solche nicht. Eine neu gegründete Gesellschaft hat keine stillen Reserven, der fiktive Veräußerungsgewinn ist null. Ausgelöst wird die Steuer durch bestehende Anteile an einer Kapitalgesellschaft – typischerweise die deutsche GmbH. Wie eine Neugründung abläuft, lesen Sie unter Ablauf und Kosten & Pakete.
Sind Immobilien betroffen?
Deutsche Immobilien lösen keine Wegzugsbesteuerung aus. Sie bleiben in Deutschland beschränkt steuerpflichtig, Mieteinkünfte und ein späterer Verkauf innerhalb der Spekulationsfrist werden weiterhin in Deutschland erfasst.
Kein Steuerrat, sondern Einordnung. Dieser Beitrag ordnet die Rechtslage ein und ersetzt keine steuerliche Beratung. Ob und in welcher Höhe die Wegzugsbesteuerung in Ihrem Fall greift, hängt an der Bewertung Ihrer Anteile, an Vorbesitzzeiten und an Ihrer persönlichen Steuerhistorie – das gehört in die Einzelfallprüfung durch einen Steuerberater. Wir übernehmen die Gründung in Tschechien; die steuerliche Abwicklung Ihres Wegzugs aus Deutschland klären Sie mit Ihrem Berater.

Quellen und weiterführende Fundstellen: § 6 Abs. 1 bis 5 AStG (Außensteuergesetz), § 17 EStG, § 19 Abs. 3 InvStG in der ab 01.01.2025 geltenden Fassung, BFH-Urteil vom 21.12.2022, I R 55/19. Stand: September 2026.

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